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Die Teckritter
im 21. Jahrhundert

von Dirk Traeger

Illustrationen von Kirsten Traeger

Softcover

ISBN 978-3-939877-19-6

179 Seiten
Format ca. 14,8 x 21,0 cm
€ 8,90 (D) / € 9,20 (A) / sFr 14,10 (CH)




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 (©Schroedel, Braunschweig)


Leseprobe:


Der Wind trug den Lärm der beginnenden Schlacht den Hügel herauf. Eine kleine Gruppe Ritter hatte dort Aufstellung genommen, um im richtigen Augenblick einzugreifen und den Kampf zu entscheiden. Die Pferde schnaubten und warfen den Kopf hin und her, als könnten sie es kaum erwarten, ihren Reiter in die Schlacht zu tragen. Das Hauptheer, zu dem die Ritter gehörten, hatte sich schon bei Sonnenaufgang im Tal versammelt, um den feindlichen Angreifern gegenüberzutreten, die von Kirchheim her auf sie zuzogen.
Vor drei Jahren waren Graf Eberhardt und seine Frau gestorben. Seitdem regierte Eberhardts alte Mutter, doch vom ersten Tage an versuchten die anderen Herrscher, Eberhardts Gebiet zu erobern. Bislang konnten Eberhardts treue Ritter jeden Angriff abwehren. Doch nun hatten sich die Feinde zusammengeschlossen und ihre Übermacht war erdrückend.
Die Ritter auf dem Hohenbol – dem Vorberg des Teckbergs – sollten dem Hauptheer zu Hilfe eilen und die Feinde überraschend angreifen, um so Eberhardts Mutter zum Sieg zu verhelfen.
„Unsere Feinde haben ein großes Heer“, stellte Ritter Ehrfried fest und kratzte sich am Kinn. Er war dünner und länger als die anderen, doch seine Augen musterten das feindliche Heer mit stechendem Blick. Die Oberlippe unter seiner großen Hakennase zuckte.
„Viel Feind, viel Ehr“, meinte Kunrat, der große, kräftige Ritter neben ihm. Eine Narbe, die selbst der dichte, schwarze Vollbart nicht ganz verdecken konnte, zog sich über seine rechte Wange.
Die Lanze lässig in der rechten Hand haltend, blickte Kunrat hinunter auf die feindlichen Reihen, die von Minute zu Minute dichter wurden. „Heute können wir unsere Tapferkeit beweisen.“
„Das könnt Ihr noch früh genug“, antwortete Ritter Heinrich, der Anführer der kleinen Truppe. Mit sorgenvollem Blick fuhr sich der kleine, dicke Ritter durch seinen dichten Bart. „So viele“, flüsterte er. „Und wir sind so wenige.“
Im Tal rannten die verfeindeten Truppen gegeneinander an. Ritter galoppierten mit eingelegten Lanzen aufeinander zu, gefolgt von Fußsoldaten, die ihren Gegnern durch lautes Geschrei Angst einjagen wollten.
Das Heer der Verteidiger war klein, doch Ritter und Knappen kämpften verbissen. Eine Zeit lang sah es so aus, als könnten sie der Übermacht der Angreifer standhalten.
„Wir sollten eingreifen und die Schlacht für uns entscheiden“, schlug Kunrat vor.
„Noch nicht“, meinte Heinrich. „Wir müssen den richtigen Augenblick abwarten.“
„Wenn wir zu lange warten, verpassen wir ihn“, knurrte Kunrat, doch er blieb, wo er war.
„Seht!“, schrie Ritter Ehrfried und zeigte zur anderen Talseite. Ein ganzes Reiterheer kam dort plötzlich donnernd aus dem Wald gesprengt und fiel den Verteidigern in den Rücken. „Unsere Feinde haben ein zweites Heer aufgestellt, das sich in der Nacht angeschlichen hat.“
„Unser Heer ist verloren“, keuchte Tankred, der Jüngste der fünf. Bleich und eingesunken hing er im Sattel und prüfte die Gurte an seinem Schild. Tiefe Sorgenfalten durchzogen sein jungenhaftes Gesicht.
Odilo, sein Nachbar, war ebenfalls bleich geworden. Er strich sich eine lange, blonde Strähne, die unter der Kapuze seines Kettenhemdes hervorgerutscht war, aus dem Gesicht. „Niemand kann es mit dieser Übermacht aufnehmen.“
„Wir müssen eingreifen“, drängte Ritter Kunrat. „Jetzt sofort!“
„Wir würden uns nur sinnlos opfern“, sagte Ritter Heinrich.
„Lieber sterben als tatenlos zusehen“, meinte Kunrat.
Heinrich schüttelte den Kopf. „Wir können unserer Herrin nicht helfen, wenn wir sinnlos auf dem Schlachtfeld sterben. Besser, wir suchen sie und bringen sie in Sicherheit. Mit etwas Glück kann sie sich verstecken.“
„Zu spät“, flüsterte Ehrfried. Im Tal hatten die Feinde das kleine Heer der Verteidiger überraschend eingekreist und überrannt. „Es ist vorbei. Und wir haben nichts getan.“
Ritter Kunrat starrte schweigend auf das Schlachtfeld hinunter. Er presste die Lippen so stark aufeinander, dass sie fast weiß wurden.
„Wir haben nichts getan“, wiederholte Heinrich flüsternd Ehrfrieds Worte. Eine Träne rann über seine Wange, als er seine Lanze senkte, die er nicht benutzt hatte. „Vergebt mir. Ich habe zu lange auf den richtigen Augenblick gewartet, doch der kam nicht.“
„Was ist das?“, fragte Tankred plötzlich. „Dort unten geht etwas vor sich.“
Im Tal löste sich ein Reiter aus der Menge. Geschickt nutzte er jede Deckung aus und entfernte sich unbemerkt vom Schlachtfeld.
Es dauerte nicht lange, da hielt der fremde Ritter neben den fünf auf dem Hügel. Seine einfache, schmucklose Rüstung war an vielen Stellen beschädigt, doch wie es aussah, war er unverletzt.
„Wer seid Ihr, fremder Ritter?“, fragte Heinrich. „Auf Eurem Schild ist kein Wappen, an dem man Euch erkennen könnte.“
„An seinen Taten erkennt man einen wahren Ritter“, antwortete der Fremde und nahm den Helm ab.
„Herrin!“, riefen die fünf Ritter fast gleichzeitig, und ein Lächeln huschte über ihre Gesichter. „Ihr seid entkommen!“
„Wie Ihr seht.“
„Ihr müsst Euch in Sicherheit bringen“, riet Heinrich.
„Darin habt Ihr ja Erfahrung.“
Die fünf Ritter blickten betreten zu Boden, während die alte Frau von einem zum anderen schaute.
„Herrin ...“, begann Heinrich, doch die alte Frau hob die Hand, damit er schwieg.
„Ihr habt Euch und dem ganzen Ritterstand Schande bereitet! Im Angesicht der Schlacht habt Ihr tatenlos zugesehen, wie Eure Kameraden kämpften und fielen. Einigen wenigen Treuen, die sich geopfert haben, habe ich es zu verdanken, dass ich hier stehe. Ein Ritter soll mit Mut und Tapferkeit für Gerechtigkeit kämpfen und den Schwachen und Bedrängten beistehen. Ihr habt nichts davon getan.“
„Wir wollten ...“, setzte Heinrich an. Seufzend schüttelte er den Kopf.
Die alte Frau zog einen dünnen, schwarzen Stab unter ihrem Umhang vor und richtete ihn auf die fünf.
„Ihr habt Eure Ritterehre verloren! Reglos seid Ihr auf diesem Platz geblieben und reglos sollt Ihr hier nun verharren. Tag für Tag werdet Ihr ins Tal hinabblicken, wo man Euch gebraucht hätte, und über Euer Versäumnis nachdenken.“
Ein Windstoß fegte die Ritter von ihren Pferden, die wiehernd davonrannten.
Ein seltsames helles Licht umgab den schwarzen Stab, und es war, als würde die Zeit für einen Moment stillstehen.
Wie angewurzelt standen die Ritter auf dem Hügel. Entsetzt stellten sie fest, dass sie mit schuppiger Baumrinde überzogen waren. Keiner von ihnen konnte sich noch bewegen.
Tränen liefen über das Gesicht der alten Frau. „Ihr habt mir in den vergangenen Jahren treu gedient. Sobald Ihr einem Menschen in Bedrängnis Hilfe zuteilwerden lasst, werdet Ihr den Zauber brechen.“
„Wie sollen wir das tun, wenn Ihr uns in Bäume verwandelt?“, krächzte der Anführer, doch die alte Frau hatte sich bereits abgewandt und ritt davon.

Siebenhundert Jahre später – die kleinen Dörfer im Tal waren zu kleinen Städten gewachsen, aus den staubigen Wegen waren breite Straßen geworden und am Himmel waren außer Vögeln nun auch Flugzeuge unterwegs – lag ein zwölfjähriges Mädchen im Bett und schlief. Es hatte die Decke fast bis zu seiner runden, kurzen Nase gezogen, doch ein kurzes Klopfen an der Tür weckte sie.
„Wach auf, Franzi.“
Verschlafen blinzelte Franziska in das helle Licht, das ihre Mutter gerade eingeschaltet hatte. „Noch fünf Minuten“, bettelte sie.
„Die habe ich dir schon gegeben, bevor ich reingekommen bin.“ Franziskas Mutter, eine sportliche, dynamische Frau mit schmalem Gesicht, zog die Stirn in Falten. „Wie es bei dir aussieht!“ Missbilligend ließ sie ihren Blick über die Kleider auf dem Boden und die verknitterten Hefte auf dem Schreibtisch wandern. „Du solltest dir angewöhnen, ordentlicher zu sein. Als ich zwölf Jahre alt war, sah mein Zimmer anders aus.“ Kopfschüttelnd stieg sie über ein Schwert aus Holz, das auf dem Boden lag. „Du bist zwölf Jahre alt. Wie soll denn jemals eine Dame aus dir werden?“
„Ich weiß nicht, ob ich das werden will“, murmelte Franziska, doch ihre Mutter war schon wieder draußen.
Gähnend schlurfte Franziska ins Bad.
„Hm“, machte sie, als sie einen kurzen Blick in den Spiegel warf. Sie sah nicht schlecht aus, fand sie, war aber auch nicht besonders hübsch, eher sportlich. Ihre Unterarme waren vom Bogenschießen wund und ihre Oberarme muskulöser, als es bei einer Zwölfjährigen üblich gewesen wäre – das kam vom häufigen Training mit ihrem Holzschwert.
Unten in der Küche klapperten Schüsseln und Tassen.
„Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht“, brummte Franziska. „Oder ausschlafen.“
„Beeil dich, sonst kommst du noch zu spät“, rief ihre Mutter von unten.
Franziska schüttelte den Kopf. Wie konnte man am frühen Morgen schon so loslegen? Gut, dass die Küche im Erdgeschoss lag und Franziskas Zimmer unter dem Dach. Weit weg von frühmorgendlicher Fröhlichkeit!
...

[In der Schule erfährt Franziska, dass es eine Projektarbeit für alle siebten Klassen gibt. Das Thema ist Unser Bundesland. Dabei müssen die Schülerinnen und Schüler neben Deutsch auch noch aus einem anderen Fach, das sie sich frei aussuchen dürfen, etwas vortragen. Franziska plant, noch ein drittes Fach dazuzunehmen.]

...
„Ich möchte mal wissen, wer mir da die Show stehlen will“, zischte Saskia. Ihre beiden Freundinnen tauschten ängstliche Blicke.
„Wie ihr alle sicher schon wisst, haben Saskia, Kira und Leonie sich für eine gemeinsame Performance mit Tanz und Musik entschieden und verbinden damit Deutsch, Sport und Musik“, fuhr Frau Rilling fort.
„Wissen wir“, brummte Max, der ganz hinten saß. „Das hat sie ja jedem erzählt.“
Die anderen Schüler lachten, doch Saskia strafte Max mit einem giftigen Blick.
Für einen kurzen Moment sah es aus, als müsste Frau Rilling sich ein Grinsen verkneifen, dann sprach sie weiter. „Franziska hat sich ein besonders interessantes Thema ausgesucht, ein sehr anspruchsvolles Projekt.“
Anspruchsvoll! Franziska wusste nicht, was sie mehr auf ihrem Stuhl zusammensinken ließ: die Blicke ihrer Mitschüler, die alle auf sie gerichtet waren, oder der Hinweis von Frau Rilling, dass ihr Thema anspruchsvoll sei. Saskias finsteres Gesicht nahm sie nur am Rande wahr.
Auch der Rest der Stunde, in der Frau Rilling die Themen der anderen Schüler vorlas, rauschte an Franziska vorbei. Hätte sie nicht jemand angerempelt, hätte Franziska nicht einmal mitbekommen, dass der Unterricht zu Ende war.
Anspruchsvoll!, dachte sie, als sie ihre Sachen einpackte. Wie soll ich das nur schaffen?
Auf dem Flur vor dem Klassenzimmer lauerten bereits Saskia und ihre Freundinnen. Franziska versuchte, sich an ihnen vorbeizudrängen, doch Saskia versperrte ihr in den Weg.
„Du willst dich also mit mir anlegen?“, zischte sie.
„Das habe ich nicht nötig“, gab Franziska zurück.
Saskia kam so nahe, dass Franziska ihren Pfefferminzkaugummi riechen konnte. „Komm mir bloß nicht in die Quere!“
...

[In der Zwischenzeit sind die fünf Ritter in ihre menschliche Gestalt zurückverwandelt worden. Sie brennen darauf, ihre Ehre wiederherstellen, indem sie jemanden zu Hilfe eilen. Franziska will sich von ihnen nicht helfen lassen, doch die Ritter geben nicht auf.]

...
„Erzählt uns mehr von dieser Arbeit, diesem Stuhlkonfekt, wie Ihr es nennt“, sagte Odilo.
„Schulprojekt“, verbesserte ihn Franziska lachend. „Das muss ich allein schaffen.“
„Denkt Ihr, die andere Maid arbeitet allein?“
„Saskia? Die hat noch nie etwas allein geschafft.“
„Dann können wir uns gegenseitig helfen, edles Fräulein. Wir helfen Euch mit Kenntnissen über unsere Zeit, und Ihr brecht dadurch den Fluch, der auf uns liegt.“
„Das würde ich ja gerne“, entgegnete Franziska. „Aber ich habe keine Ahnung, wie man einen Fluch bricht. Sucht Euch besser jemanden, der wirklich Hilfe braucht.“
„Wir glauben, Ihr seid das“, stellte Ritter Heinrich fest.
„Und ich glaube das nicht.“ Franziska zuckte mit den Schultern. Und bevor einer der Ritter noch etwas sagen konnte, sprang sie leichtfüßig den Berg hinunter.
„Sie sieht erleichtert aus“, sagte Tankred.
„Das wäre wohl jede Maid, die fünf aufdringlichen Rittern entfliehen kann“, brummte Kunrat.
„Fünf Rittern, die sich seit siebenhundert Jahren nicht gewaschen haben“, sagte Odilo.
„Dagegen können wir etwas tun“, sagte Ritter Ehrfried. „Lasst uns unseren Körper und unsere Gewänder reinigen, und reinigen wir danach unsere Seele.“
„Worauf warten wir noch?“, fragte Odilo und klatschte lachend in die Hände. „Gehen wir baden, und dann begeben wir uns zur holden Maid und helfen ihr, ob sie will oder nicht.“

Fortsetzung im Buch ...



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