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Verflixt und zugeMÄHT -

Henny und das Geheimnis der verschwundenen Schafe

von Uta Reichardt

Illustrationen von Stephanie Höfner

Softcover mit Umschlagsklappen

ISBN 978-3-939877-17-2

213 Seiten Format ca. 12,7 x 20,0 cm
€ 8,90 (D) / € 9,20 (A) / sFr 14,10 (CH)



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 (©Schroedel, Braunschweig)
 

Leseprobe:


Henny zog ein langes Gesicht, als sie in die Einfahrt bogen. Seine Armbanduhr piepste.
Exakt 6 Stunden, 33 Minuten und 3 Sekunden bis nach Oberlachen. Er hatte sich herrlich gelangweilt und vom ersten Meter auf der Autobahn bis zur Ankunft in dem kleinen Bergdorf 328 grüne Autos gezählt. Doch damit war es jetzt vorbei. Ein grässlicher Herbsturlaub lag vor ihm.
Seine Eltern stiegen aus, und Gastwirtin Rosi, bei der die Hennigs jedes Jahr wohnten, kam mit ausgebreiteten Armen auf die beiden zu. Henny duckte sich auf dem Rücksitz. Vielleicht vergaßen sie ihn einfach! Er zog den Reißverschluss seiner grünen Reisetasche auf, um nach einem Apfelmüsliriegel zu stöbern. Doch statt eines Riegels fischte er nur die aufgerupfte Verpackung heraus. Sie war leer.
„Ich glaub’s ja nicht“, murmelte er, steckte seine Nase in die Tasche und schnüffelte. „Was fällt euch ein?“
Er durchpflügte die Tasche mit seinen Händen, bis er ein wolliges Ohr zu fassen bekam, und zog.
„Aua!“, kreischte es. Zum Vorschein kam Nanamäh, eines seiner beiden Stoffschafe. Nicht größer als ein Handbesen und mit unglaublich zerzaustem, schmutzigem Fell. Schuldbewusst schaute es an Henny vorbei. Dabei zerkaute es die restlichen Müslistücke, die es noch schnell nach hinten zwischen seine Backenzähne geschoben hatte.
„Was macht ihr denn hier? Ihr habt mir doch geschworen, zu Hause zu bleiben! Wenn euch jemand sieht!“ Schon der Gedanke war Henny so peinlich, dass er Nanamäh schnell zurück in die Reisetasche stopfte. „Und meine zwölf Apfelriegel, ich fasse es nicht!“
„Hab gar nich alle allein gefressen, die Ammeliese hat auch“, schmatzte Nanamäh.
„Mir ist schlecht“, piepste es aus Hennys grünem Fließpulli.
„Ammeliese, wenn du jetzt noch in meinen Pulli spuckst, dann …“
Es hustete verdächtig in seinem Ärmel.
In diesem Augenblick öffnete sich die Autotür. Nanamäh und Ammeliese erstarrten. Hennys Mutter beugte sich herein. Sie lächelte ungeduldig.
„Wo bleibst du denn? Alles in Ordnung mit dir? Ach, du hast deine Stofftiere mitgenommen? Wolltest du die nicht zu Hause lassen dieses Mal?“
Henny nickte, dann schüttelte er den Kopf. Er war total durcheinander. Seine Mutter hatte ja keine Ahnung! Als ob er mit elf noch irgendwelche Stofftiere in den Urlaub mitnehmen würde. Und schon gar nicht Nanamäh und Ammeliese!
„Nun komm, bring’s hinter dich! Je eher, desto besser“, raunte seine Mutter ihm mit einem Blick auf Rosi zu. Die stand wie eine Statue vor der Motorhaube, die Hände in die Hüften gestemmt. Und strahlte von einem Ohr bis zum anderen. Offensichtlich konnte sie es kaum erwarten, ihn zu begrüßen. Umso langsamer quälte sich Henny aus dem Auto.
Sobald er vor ihr stand, schnellten seine Hände in die Hosentaschen, und er starrte auf den rotbackigen Gartenzwerg neben der Einfahrt. Bis er einen Knuff in die Seite bekam, das Zeichen seines Vaters, dass es höchste Zeit war, „Hallo“ oder „Guten Tag“ zu sagen. Henny entschied sich für ein knappes „Hallo“ und lächelte an Rosi vorbei. Doch da umschlang sie ihn schon mit ihren Fangarmen wie eine Krake und drückte ihn so fest zwischen die Falten ihres Dirndls, dass Henny nur noch schwarz sah.
„Da schau, der Hendrik! Immer noch so schlaksig, immer noch so schüchtern! Elf Jahre bist du jetzt, gell?“ Sie plapperte weiter, ohne seine Antwort abzuwarten. „Also wenn ich einen Jungen ganz in Grün sehe, weiß ich: Das kann nur der Hendrik sein, unser Waldfreund!“
Dabei blieben ihre Augen an seinen apfelgrünen Stiefeln hängen. Was Henny nichts weiter ausmachte. Er war es gewöhnt, dass die meisten Menschen ihn merkwürdig fanden – weil er nur grüne Klamotten trug und lieber als Baum in einem Wald leben wollte als bei den Menschen. Na ja, und wegen noch ein paar anderer Dinge.
„Los, Henny, pack mit an!“, rief sein Vater, in jeder Hand einen Koffer.
Henny kletterte zurück auf den Rücksitz und zog in Windeseile den Reißverschluss der Tasche zu – wenn er jetzt bloß nicht Nanamäh das Fell einklemmte … Da drückte ihn Rosi schon keuchend zur Seite.
„Lass mal gut sein, Junge, das mach ich schon!“ Und ehe er sichs versah, griff sie nach der Tasche und watschelte damit ins Haus. Henny rannte hinterher.
Gebt jetzt bloß keinen Mucks von euch, flehte er Ammeliese und Nanamäh in Gedanken an. Oder wie sollte er seinen Eltern und Rosi erklären, dass diese beiden Stoffschafe eines Abends, als er gerade ins Bett geklettert war, plötzlich zu sprechen begonnen hatten und seitdem quietschlebendig waren?
Er stieg die steile Holztreppe hinauf, vorbei an dem ausgestopften Fuchs mit den spitzen Zähnen. Sein Zimmer lag im zweiten Stock, schräg gegenüber von dem seiner Eltern. Über der Tür hing ein riesiges Hirschgeweih. Rosi hievte die Reisetasche mit Schwung auf das ausgeklappte Schrankbett und ging hinaus.
Henny schloss rasch die Tür hinter ihr. Er ließ sich aufs Bett fallen und schnupperte an der Bettwäsche. Sie roch, wie sie riechen musste: nach BergreinWaschpulver und Stärkespray. Diesen Duft hatte er letztes Jahr in sein Gerüchesammelbuch eingetragen. Das Buch trug er jede Sekunde bei sich – für den Fall, dass er einen neuen spannenden Geruch entdeckte.
„Ihr könnt rauskommen, sie sind weg“, flüsterte er und spähte in die Tasche.
Sein grüner Pulli bewegte sich und ein weißes Köpfchen mit zwei schwarzen Glasaugen erschien. Ammeliese blinzelte Henny treuherzig an: „Das Nanamäh hat gesagt, dass es meine Ohren frisst, wenn es nichts anderes findet. Und dass es sich die ganze Zeit nicht wäscht, solange du im Urlaub bist. Igitt!“
„Und ich will mich nich mit der langweiligen Küssliesel in deinem Zimmer langweiln. Ich will endlich mal ‘n Abenteuer erleben, so’n richtiges Jungsabenteuer“, tönte Nanamäh und streckte sein zerknautschtes Hinterteil in die Luft.
„Und da habt ihr euch einfach heimlich in meiner Tasche versteckt und gehofft, dass ich’s schon nicht merke?“
Die beiden Wollköpfe nickten und Ammeliese drückte sich schwerfällig – ihr Bauch war fast dicker als ihre Beine lang – aus der Tasche. Sie kletterte auf Hennys Knie und küsste seinen Arm ab, dass es nur so schmatzte.
Henny wischte sich den Ärmel an der Bettdecke ab und seufzte. So richtig böse konnte er den beiden nicht sein. Aber er wollte keine Abenteuer und kein Geküsse, sondern seine Ruhe! Um Gerüche zu sammeln und um den genauesten aller Ortspläne von Oberlachen zu zeichnen, den die Welt je gesehen hatte. Doch irgendwie spürte er schon jetzt, dass daraus nichts werden würde …

„Attacke!“ Nanamäh stürzte sich mit einem Schrei auf Ammeliese. Im nächsten Moment rauften die beiden schon kreischend auf dem Fußboden. Da klopfte es an der Tür. Die Schafe erstarrten und sahen sofort wieder aus wie ganz gewöhnliche Stofftiere. Hennys Vater steckte den Kopf zur Tür herein.
„Alles in Ordnung? Warst du das, der so geschrien hat?“
„Ich hab was nicht gefunden“, murmelte Henny, ohne von seinem Ortsplan aufzusehen. Auf dem zeichnete er gerade die Häuser am Ende des Dorfes ein.
„Da brauchst du doch nicht so zu schreien.“ Sein Vater zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen, dass Henny doch alle naselang etwas suchte und nicht fand. „Beeil dich lieber mit dem Auspacken, wir wollen gleich zum Abendessen in den Gasthof!“ Er zwinkerte Henny zu: „Ich sage nur: Spinatknödel!“
„Spinatknödel, Spinatknödel“, trällerte Nanamäh, sobald Hennys Vater weg war. „Wann geht’s los? Ich hab Hunger!“
„Turpissima!“, war alles, was Henny sagte. Das war neu in seiner lateinischen Schimpfwörtersammlung und bedeutete Vogelscheuche. Aber er fand, dass es nach etwas viel Schlimmerem klang. Deshalb sagte er es immer, wenn es ein echtes Problem gab. So wie jetzt: Er liebte Spinatknödel. Aber er hasste Gasthöfe, weil da so viele Menschen waren. Und den Gasthof Almwiese verabscheute er ganz besonders – wegen Lena Schledder, dieses fies grinsenden, sommersprossigen Mädchens, das ihn auf dem Kieker hatte.
Missmutig schlüpfte er in seine Stiefel.
„Will auch mit“, meckerte Nanamäh und hängte sich an Hennys Hosenbein.
„Ich auch. Ich schaffe sieben Knödel! Guck mal, mein leerer Bauch!“ Ammeliese strich sich über ihren Bauch, der die Form einer kräftigen Birne hatte.
„Nichts da, ihr bleibt hier! Ich bringe euch was zum Essen mit. Aber nur, wenn ihr keinen Unsinn macht!“
„Du bringst bestimmt nur wieder langweiliges Brot mit langweiligem Käse“, nörgelte Nanamäh, kletterte aber ungewöhnlich folgsam in Hennys Hausschuh und begann sofort, geräuschvoll zu schnarchen.
Ammeliese setzte sich vor den großen Wandspiegel neben der Tür, griff sich Hennys Haarbürste und kämmte ihr Fell von Kopf bis Fuß. Dabei warf sie ihrem Spiegelbild von Zeit zu Zeit Kusspfoten zu.

Wenige Minuten später überquerte Henny mit seinen Eltern die Dorfstraße. Der Gasthof Almwiese lag gleich gegenüber der Pension. Höchst spannende Gerüche aus frittiertem Wiener Schnitzel und herbstlich-pilziger Bergluft wehten Henny um die Nase.
Im Gasthof servierte Oberkellner Bertl bereits das Abendessen. Wie ein Slalomfahrer, nur ohne Ski an den Füßen, kurvte er mit seinem vollgeladenen Tablett an den Hennigs vorbei. Henny folgte seinen Eltern Richtung Gaststube. Im letzten Moment jedoch blieb er vor der Schwingtür stehen.
Da seine Ohren fast so gut hören konnten wie seine Nase riechen, filterten sie sofort Lena Schledders raues, heiseres Lachen aus dem Stimmengewirr in der Gaststube. Henny rührte sich nicht vom Fleck, bis die Tür aufschwang, Bertl herausrauschte und ihn um ein Haar umgerannt hätte.
„Hallo Henny, ja grüß dich Gott!“
Bertl strahlte über das ganze Gesicht. Er beugte sich zu Henny herunter, sodass er ihn mit seinem borstigen, schwarzen Schnäuzer am Ohr kitzelte, und flüsterte: „Die Spinatknödel schmecken noch besser und sind noch grüner als letztes Jahr. Komm!“
Bertl stellte das Tablett ab, hielt Henny die Schwingtür auf und schob ihn in die Gaststube bis zu Tisch Nr. 14, an dem die Hennigs jedes Jahr saßen. Henny sah durch Das-leibhaftige-Grauen-Lena durch, als wäre sie Luft, ließ die Begrüßung ihrer Eltern über sich ergehen und schlug in Gedanken sein Gerüchesammelbuch auf: Frau Schledder hatte ihr Haar mit einem neuen Mandelblütenshampoo gewaschen, ein faszinierender Duft.
„Hallo Henne … äh Hendrik!“ Lena lächelte zuckersüß.
„Lena!“, sagte ihre Mutter warnend.
„Hallo“, antwortete Henny tonlos, ließ sich auf die Eckbank fallen und rutschte möglichst weit weg vom Nachbartisch, an dem Familie Schledder saß.
Die dampfenden Knödel, die Bertl kurz darauf servierte, schaufelte Henny in sich hinein, als gelte es, einen Weltrekord im Spinatknödel-Schnellessen aufzustellen. Dabei versuchte er nur, auf keinen Fall in Lenas Richtung zu schauen. Im letzten Urlaub hatte er sie Das-leibhaftige-Grauen-Lena getauft. Doch jetzt wurde ihm schlagartig klar, dass dieser Name noch viel für sie zu nett war: Jedes Mal, wenn er aus Versehen zu ihr hinsah, äffte sie ihn nach, indem sie an allem möglichen roch. Dazu formte ihr Mund ein lautloses „Idiot!“.
Nach dem sechsten Spinatknödel war Henny übel. Er verlor das letzte bisschen Farbe aus dem blassen Gesicht und bemühte sich, nicht an den grünlichen Knödelbrei zu denken, der in seinem Magen rumorte. Da zog ihn plötzlich etwas am Ärmel. Henny sah zu seiner Mutter. Doch die unterhielt sich gerade mit Frau Schledder. Und sein Vater konnte es auch nicht sein. Der baute auf dem Tisch an einem neuen Bierdeckel-Kunstwerk. Hennys Blick fiel auf die grüne Jacke, die neben ihm lag. Und aus ihr winkte eine zottlige, graue Schafspfote.
„Nanamäh, was machst du hier?“, flüsterte Henny entsetzt.
„Ich hab Hunger, ich will auch solche Knödel“, quengelte es, und einen Moment später erschien Nanamähs abgewetzte Schnauze. Schließlich fraß nicht nur Ammeliese, sondern auch Nanamäh für sein Leben gern. Gras und Kräuter standen dabei allerdings weit unten auf seiner Hitliste.
Schnell drückte Henny das Schafsmaul zurück in die Jackentasche, während er den Rest der Jacke hektisch nach Ammeliese abtastete. Doch ein Glück, die Tasche war leer.
Sein Vater grinste zufrieden. „So hoch hab ich’s noch nie geschafft! Versuch’s doch auch mal!“
Widerstrebend nahm Henny für einen klitzekleinen Moment die Hände von der Jacke und stapelte halbherzig ein paar Bierdeckel. Das Nächste, was er sah, war Nanamäh. Wie der Blitz hüpfte das kleine Schaf unter den Esstisch und verschwand um die Ecke in die Gasthofküche. Turpissima!

Fortsetzung im Buch ...



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