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BREANAINN - Geheimnis des finsteren Kriegers

von Dirk Traeger

Illustrationen von Philip Hahn

Softcover mit Umschlagsklappen

ISBN 978-3-939877-14-1

255 Seiten
Format ca. 12,7 x 20,0 cm
€ 9,40 (D) / € 9,70 (A) / sFr 14,90 (CH)



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 (©Schroedel, Braunschweig)

 

Leseprobe:


Seit Jahrtausenden glauben die Menschen in den Bergen an sonderbare Wesen, an Zwerge, Berggeister und Drachen. Manche Orte gelten noch heute als verflucht.
So würde auch kein Einheimischer nachts zur schwarzen Burg wandern, wo der Sage nach ein kostbarer Schatz versteckt sein soll, bewacht von einem schwarzen Geist. Keiner, der auszog, um den Schatz zu suchen, kam jemals wieder zurück ...


Die Ruine der schwarzen Burg ragte düster in den nächtlichen Himmel, als ein großer Schatten lautlos über sie hinwegglitt. Die Sterne gaben nur wenig Licht, und selbst der Mond versteckte sich hinter den Wolken, als hätte er Angst, auf die alten Mauern zu leuchten.
So konnte niemand sehen, dass Breanainn, der Drache, in die Berge zurückgekehrt war.
In alter Zeit hatten die Menschen Drachen wie ihn geachtet und gefürchtet. Er hatte Königreiche kommen und gehen sehen. Seitdem hatten sich die Menschen unaufhörlich vermehrt. Sie beherrschten die Erde, und sogar den Himmel hatten sie mit ihren lärmenden Maschinen erobert.
Vielleicht war die Zeit der Drachen vorbei.
Der alte Drache lächelte. Es gab eine Kreatur, die sich nichts mehr als genau das wünschte: Catigern, der Drachentöter, der finstere Krieger. Am Leben gehalten durch schwarze Magie, hatte er Breanainn durch all die Jahrhunderte verfolgt.
Erst vor wenigen Wochen hatten sie sich gegenübergestanden, weiter nördlich, auf der Schwäbischen Alb. Breanainn hatte nur mit knapper Not überlebt, mit der Hilfe von Tim und Niklas, zwei elfjährigen Jungen.
Die Burg, vor der Breanainn jetzt saß, hatte einst Catigern gehört. Hier, so hoffte er, würde ihn der finstere Krieger am allerwenigsten vermuten.
Der alte Drache schloss für einen Moment die Augen. Selbst hier oben in den Bergen war es Sommer geworden und die Nachtluft war mild und warm. Sie duftete nach Heu, das auf den tiefer liegenden Bergwiesen zum Trocknen ausgebreitet war. Ganz in der Nähe plätscherte ein Gebirgsbach und nicht weit davon schrie ein Kauz.
Ein Ast brach und Breanainn schreckte hoch. Er spürte, wie das Feuer in ihm aufloderte. Es drohte Gefahr!
„Komm heraus und zeig dich“, knurrte Breanainn und legte die Flügel eng an den Körper.
„Du hast wirklich Mut, hierher zurückzukehren, Drache“, antwortete eine finstere Gestalt, die sich von einer Gruppe dunkler Felsen löste.
„Ich hatte gehofft, länger Ruhe vor dir zu haben“, entgegnete Breanainn. „Was willst du?“
„Dich“, antwortete Catigern und zog sein Schwert.
„Hört das denn nie auf?“, fauchte der Drache und fletschte die Zähne. Seine Hinterbeine bohrten sich in die weiche Erde, während er die Muskeln anspannte, bereit, sich auf seinen Gegner zu stürzen.
Der finstere Krieger lachte. „Glaubst du, du kannst es mit mir aufnehmen?“
Geschickt wich Breanainn dem Schwerthieb aus. „Konnte ich das nicht immer?“
Sein Gegner ließ ihm keine Zeit. Ohne auszuholen, schlug Catigern zu, wieder und wieder.
„Du wirst alt“, spottete Catigern. „Früher hättest du mich längst angegriffen, statt auszuweichen. Deine Zeit ist wohl vorbei!“
„Vielleicht, aber das hast du nicht zu entscheiden.“
„Wohl doch“, gab der Krieger zurück und stach nach Breanainns Gesicht.
Das Brüllen des Drachen hallte von den Felswänden wider. Mit der linken Pranke bedeckte er sein Auge, während er mit der rechten umhertastete.
„Endlich!“, rief der Drachentöter. Ganz langsam hob er sein Schwert. „Bringen wir es zu Ende.“
Der finstere Krieger stieß zu, aber der Drache sprang zurück, riss die Pranke vom Gesicht und fegte das Schwert beiseite. Breanainns Auge war unverletzt.
Überrascht starrte Catigern auf die Stelle, an der eine Wunde hätte sein müssen, da schleuderte Breanainn ihn gegen einen Felsblock und deckte ihn mit Feuer ein. Als der Feuerstrahl erlosch, war der Drache verschwunden.
Mühsam richtete sich der finstere Krieger auf. Von einem Menschen wäre nicht mehr übrig geblieben als ein Häufchen Asche, der Krieger hingegen war ein Untoter, am Leben gehalten durch schwarze Magie. Selbst das vernichtende Feuer eines Drachen konnte ihn nicht umbringen.
Der finstere Krieger schleppte sich zu seinem Schwert. Ein gespenstisches Grinsen huschte über das knochige Gesicht. An der Klinge klebte Blut.
„Komm her!“, befahl Catigern.
Das leise Schlagen von Flügeln hallte durch die Nacht und ein Rabe landete auf Catigerns ausgestrecktem Arm.
„Finde heraus, wo sich dieser verfluchte Drache versteckt.“
Der Rabe nickte kaum merklich, dann schwang er sich mit leisem Krächzen in die Lüfte.
Lächelnd sah Catigern ihm nach. Es würde nicht lange dauern, den Drachen aufzustöbern.

Im Tal unterhalb der Burg standen zwei elfjährige Jungen auf dem Balkon der Pension Alpenrose und starrten hinauf in den dunklen Himmel.
„Schade“, sagte Tim. „Ich hatte gehofft, dass wir was von den Bergen sehen.“
„Nachts?“, fragte Niklas, der neben ihm stand.
„Wir haben Vollmond. Da müsste man doch was sehen.“
„Nicht bei den vielen Wolken“, meinte Niklas und deutete auf einen hellen Schimmer in der dichten Wolkendecke. Er trat von einem Bein auf das andere.
„Danke“, murmelte er schließlich.
„Wofür?“
„Dass ihr mich mitgenommen habt. Meine Mum hat nicht viel Geld, das weißt du ja. Da ist ein Urlaub einfach nicht drin.“
„Du warst noch nie im Urlaub?“
„Noch nie“, gab Niklas zu. „Mein Alter hat auch kein Geld; das bisschen, das er uns schickt, reicht hinten und vorne nicht. Meine Mum hat ganz schön zu kratzen, weißt du.“
Tim legte die Hand auf die Schulter seines Freundes. „Ich bin froh, dass du mitgekommen bist.“ Er zog seinen orangefarbenen Spielzeugdrachen aus der Hosentasche und stellte ihn aufs Balkongeländer.
„Du hast ihn mitgebracht?“, fragte Niklas und strich dem Drachen über den Rücken.
„Sicher“, meinte Tim grinsend. „In den Bergen soll es doch Drachen geben, oder?“
Die beiden lachten.
„Ob wir Breanainn jemals wiedersehen?“, überlegte Niklas.
„Ich weiß es nicht“, seufzte Tim.
Ein kurzes Leuchten am Himmel ließ Niklas aufschauen. Für einen Augenblick schien eine Bergspitze regelrecht zu glühen, dann war es wieder dunkel.
„Was war das?“, fragte Tim.
„Keine Ahnung. Das war richtig unheimlich.“
Die beiden warteten noch eine ganze Weile, doch das seltsame Leuchten erschien nicht mehr.
„Lass uns reingehen“, schlug Tim vor.
Drinnen räumte Tims Mutter die letzten Sachen ein. Herr Raich, Tims Vater, saß über eine Wanderkarte gebeugt am Tisch.
„Morgen müssen wir erst mal einkaufen gehen“, stellte Tims Mutter fest, als sie den Inhalt des Küchenschranks kontrollierte.
Tim erzählte von dem seltsamen Leuchten und seine Mutter lächelte.
„Das wird Wetterleuchten gewesen sein“, sagte sie. „Das sind Blitze in den Wolken, ganz weit weg, ohne Donner und ohne Regen.“
„Das hat aber ausgesehen, als ob es ganz nah wäre.“
„Das täuscht manchmal“, antwortete Frau Raich. „In den Bergen ist vieles anders als bei uns zu Hause.“ Sie schnappte sich einen kleinen Block und fing an, eine Einkaufsliste zu schreiben. „Für euch wird es langsam Zeit, ins Bett zu gehen.“
Tim wollte widersprechen, doch Niklas zog ihn mit sich.
„Von unserem Zimmer können wir die Berge sehen“, sagte er.
Tims Mutter hatte recht: In den Bergen war vieles anders. Das Zimmer der Jungen sah aus wie eine alte Bauernstube: Dunkle Holzbalken zogen sich an der Decke entlang, auch der Fußboden war aus dicken Holzbrettern gemacht, Schrank und Bett waren mit bunten Blumen bemalt.
Von ihren Betten schauten die beiden noch lange aus dem Fenster, aber draußen blieb es dunkel.
„Hier“, sagte Tim schließlich und drückte Niklas ein Buch in die Hand.
Niklas schaltete die kleine Lampe an, die auf seinem Nachttisch stand. „Dein Drachenbuch ist fertig!“ Vorsichtig blätterte er es durch. „Du hast alle meine Zeichnungen mit reingenommen.“
„Und die Buchschrauben, die du mir im Schullandheim geschenkt hast“, erwiderte Tim.
„Kommt Breanainn auch drin vor?“, fragte Niklas und blätterte weiter.
„Ja. Und wir auch. Aber ich habe alle Namen und Orte geändert. Keiner soll Breanainns alte Höhle finden. Vielleicht kommt er ja doch irgendwann mal zurück.“
„Glaubst du?“, fragte Niklas und wollte Tim das Buch zurückgeben, doch Tim wehrte ab.
„Du bist der Erste, der es lesen darf. Und dann sagst du mir ehrlich, was du davon hältst.“
Niklas blätterte die Seiten um, als sei es das wertvollste Buch, das er je gelesen hatte.
Tim tat so, als ob er schliefe. Doch immer wieder öffnete er kurz die Augen und beobachtete seinen Freund, der nicht aufhören konnte, zu lesen.
Es würde ein herrlicher Urlaub werden!

[... Und es wurde ein herrlicher, spannender Urlaub.
Zusammen mit Lena, einem abenteuerlustigen Mädchen von einem nahe gelegenen Bauernhof, erkunden Tim und Niklas die Ruine der schwarzen Burg. Sie finden den Einstieg in die unterirdischen Gänge, doch dort begegnen sie Catigern, dem finsteren Krieger.
Nur mit knapper Not und der Hilfe von Breanainn und Finnian, den beiden Drachen, können sie entkommen.
Der Weg von der Drachenhöhle, in die die Drachen die beiden Jungen gebracht haben, ist zu weit und in der Dunkelheit zu gefährlich. Die Drachen beschließen, sie zurückzubringen.
Tim und Niklas können es kaum glauben: Sie dürfen mit den Drachen fliegen! ...]


„Halt dich gut fest“, sagte Finnian und drehte den Kopf zu Niklas. „Achte auf die Sporne und die Kanten meiner Schuppen, wenn du dich nicht verletzten willst.“
Und bevor Niklas antworten konnte, stieß sich der Drache vom Höhlenrand ab. Für einen kurzen Augenblick hingen sie in der Luft, dann breitete Finnian die Flügel aus.
Niklas wollte schreien, als sie kurz nach unten durchsackten, doch er brachte keinen Ton heraus. Dann gewann Finnian an Höhe, und es war Niklas, als ob er schwebte. Neben ihm tauchte Breanainn mit Tim auf.
Tim schrie etwas und winkte, doch Niklas konnte es nicht verstehen. Der Wind rauschte um seine Ohren, und Niklas war viel zu aufgeregt, um genau hinzuhören.
Unter ihnen breitete sich die raue Berglandschaft aus, vom Mond in ein geheimnisvolles Silberlicht getaucht. Am Horizont konnte Niklas die schroffen Gipfel mächtiger Berge erkennen, über ihnen funkelten die Sterne.
„Wahnsinn“, hauchte Niklas.
Finnian lächelte. „Ich nehme an, du bist noch nie geflogen.“
„Noch nie“, antwortete Niklas. Aber was machte das schon? Ein Flug in einem engen Flugzeug mit winzigen Fenstern konnte gar nichts sein im Vergleich zu einem Drachenflug unter den Sternen.
Niklas konnte spüren, wie die kräftigen Muskeln des Drachen unter ihm arbeiteten.
„Das könnte ich ewig machen“, murmelte Niklas.
„Dann verstehst du, weshalb wir Drachen es lieben, unter den Sternen zu fliegen.“
„Ich wünschte, ich könnte das auch.“
„Jeder hat seinen Platz im Leben“, antwortete Finnian.
Der weiße Drache hatte die Farbe des Nachthimmels angenommen. Selbst für Niklas, der auf ihm saß, war er schwer zu erkennen. Vom Boden aus müsste er fast unsichtbar sein.
Finnian schaute sich nach allen Seiten um. Ein kurzer Blick zu Breanainn, der lächelnd nickte, dann wandte sich der junge Drache an Niklas.
„Möchtest du einmal richtig fliegen?“
„Tun wir das denn nicht?“
Finnian lachte. Ein so warmes Lachen hatte Niklas noch nie gehört. Es war, als würde jemand einen weichen, warmen Mantel um ihn legen.
„Wir schweben durch die Luft“, sagte Finnian. „Fliegen ist etwas anderes. Möchtest du das einmal tun?“
„Ja.“
„Dann halte dich gut fest!“
Aus dem Augenwinkel konnte Niklas gerade noch erkennen, wie Tim grinste, da wurde er auch schon zur Seite gerissen. Finnian hatte sich auf die Seite gerollt und war über den linken Flügel nach unten weggekippt.
Niklas schrie. Er klammerte sich so fest an einen großen Sporn, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten.
Der Drache legte die Flügel an und ließ sich wie ein Raubtier, das sich auf seine Beute stürzt, zu Boden fallen.
Niklas‘ Augen begannen zu tränen. Er wagte es nicht, den Sporn loszulassen, um sich die Augen zu wischen, und das war auch gut so.
Beängstigend schnell raste der Boden auf sie zu.
„Der ... wir ...“, schrie Niklas, doch Finnian achtete nicht darauf.
Mit einem Mal breitete er die Flügel aus und zog steil nach oben. Niklas‘ Mund klappte von alleine zu. Er spürte, wie die Zähne aufeinanderschlugen, da legte sich Finnian auch schon nach rechts und zog fast waagerecht an einer Felsgruppe vorbei. Keine zwei Sekunden später schwenkte er nach links und fegte so knapp über den Gipfel eines Berges, dass Niklas die Füße einzog.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Menschenjunge“, rief der Drache.
„Mein Name ist Niklas und ich habe keine Angst!“
Niklas hätte schwören können, dass der Drache nur mühsam ein Lachen unterdrückte. Er stellte seine Flügel quer und einen Moment lang hingen sie schwerelos in der Luft. So müsste es sich anfühlen, wenn man selbst fliegen könnte!
Finnian ließ sich ein paar Meter nach unten fallen, dann fing er sich geschickt ab und legte sich in eine weite Kurve.
Breanainn flog mit Tim ein gutes Stück über ihnen, und Tim winkte seinem Freund zu.
Finnian beschrieb abwechselnd einen Bogen nach rechts und nach links. Mit jedem gewann er mehr an Höhe, bis er schließlich Breanainn erreichte.
„Zum Berg?“, fragte er, und Breanainn nickte.
Die beiden Drachen legten sich in eine weite Linkskurve und steuerten auf eine Bergspitze zu. An den Bergflanken leuchteten Schneefelder auf dem dunklen Fels.
Die beiden Drachen trennten sich. Jeder flog den Gipfel von einer anderen Seite an, doch keiner machte Anstalten, zu landen.
Tim schien genauso verwirrt wie Niklas, als die beiden Drachen aufeinanderzuhielten.
„Festhalten!“, rief Finnian.
Der weiße Drache klappte die Flügel an. Wie eine Rakete schoss er auf Breanainn zu. Plötzlich streckte er die Klauen nach vorn, als wollte er Breanainn das Gesicht zerkratzen.
Der alte Drache drehte sich zur Seite und peitschte mit dem Schwanz knapp an Finnians Kopf vorbei.
Finnian breitete die Flügel aus und flog eine enge Rechtskurve, zurück zu Breanainn und Tim.
Breanainn wartete nicht, bis Finnian wieder bei ihm war. Der alte Drache kippte nach links weg und schnitt dem jüngeren den Weg ab. Dieses Mal war es Finnian, der sich in der Luft wegdrehte, um Breanainns Angriff auszuweichen.
„Nicht schlecht“, rief er, als Breanainn ihn nur knapp verfehlte. Tim hätte schwören können, dass zwischen den Drachen nicht mal ein Meter war.
Breanainn drehte den Kopf nach hinten. Fast senkrecht zog er nach oben, drehte sich und stürzte sich erneut auf Finnian. Der rollte sich auf den Rücken und streckte Breanainn vier klauenbewehrte Beine entgegen. Niklas klammerte sich verzweifelt am Sporn fest.
Breanainn brach den Angriff ab, zog nach links, dann sofort wieder nach rechts und setzte sich hinter den Jüngeren. Finnian drehte den Kopf hin und her, doch Breanainn schien jede Bewegung vorauszusehen. Geschickt schwenkte er immer auf die Seite, auf die Finnian nicht sehen konnte.
„Wie weit sind sie noch weg?“, rief Finnian nach hinten.
„Fünf Meter, vielleicht sechs!“, rief Niklas zurück.
„Sag mir, wenn es nur noch drei sind.“
Finnian ließ sich tiefer sinken, doch er wurde nicht langsamer.
„Was hat er vor?“, rief Tim.
„Wart’s ab!“, sagte Breanainn lachend.
Finnian schaute ein letztes Mal zurück. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, dann beugte er den Kopf nach unten und legte die Flügel an.
Niklas schrie, während der Drache mit ihm in die Tiefe fiel.
Wie ein Raubvogel stieß Breanainn dem anderen Drachen hinterher. Während des Sturzfluges schlug er mit den Flügeln, um noch schneller zu werden.
Unter ihm breitete Finnian die Flügel aus, schoss knapp über den Boden und zog kurz vor Breanainn hoch.
Hektisch schlug der weiße Drache mit den Flügeln und verdeckte Breanainn die Sicht. Vor ihm zeichnete sich der Umriss eines Berges ab.
„Er hat keine Kraft mehr!“, schrie Tim, doch Breanainn antwortete nicht. Sein Blick wanderte zwischen dem Boden, dem Berg und Finnian hin und her.
„Breanainn!“, schrie Tim und trommelte mit der freien Hand auf den Rücken des Drachen. „Er stürzt ab! Wir müssen ...“
„Still!“, verlangte Breanainn.
Er hatte aufgeholt. Fast konnte er Finnians Schwanz berühren, da zog der weiße Drache plötzlich nach links und sofort darauf nach oben.
Niklas‘ Schrei hallte von den Felswänden wider. Finnian schoss so knapp über eine Felsnadel hinweg, dass seine Krallen den Stein fast berührten.
Fast gleichzeitig mit Finnian zog Breanainn zur anderen Seite. Es gab einen dumpfen Schlag, als seine Hinterbeine einen Felsblock streiften.
Sofort ruckte Finnians Kopf herüber. Er lächelte, als er Breanainn in der Luft sah.
„Du wirst alt, mein Freund“, rief er.
„Und du unvorsichtig!“, rief Breanainn zurück und warf den Felsblock, den er im Flug gegriffen hatte, knapp an Finnian vorbei.
Der weiße Drache machte ein anerkennendes Gesicht, als er dem Felsen hinterhersah. Mit lautem Klatschen fiel der riesige Stein in einen See; das Wasser spritzte weit über zehn Meter hoch. Wie ein silberner Kristall hing die Fontäne einen Augenblick lang in der Luft, bevor sie in sich zusammenfiel.
Breanainn beschrieb eine lang gezogene Linkskurve, dann stellte er die Flügel quer und setzte auf dem Berggipfel auf, an dem der Kampf begonnen hatte.
Neben ihm landete Finnian.
Tim zitterte, als er abstieg, und Niklas brauchte eine ganze Weile, bis er sich traute, loszulassen.
Es war kalt auf dem ungeschützten Gipfel, und wenn ein Windstoß über den Berg fegte, schauderte Niklas.
Die Jungen schmiegten sich an die Drachen, die wunderbar warm waren. Breanainn und Finnian hatten das dunkle Grau des Felsens angenommen; vom Tal waren sie sicher nicht zu erkennen.
„Wie schön es hier oben ist“, seufzte Niklas.
Vor ihnen reihte sich Gipfel an Gipfel, gesprenkelt mit hellen Schneefeldern und dunklen Wäldern weiter unten. Zwischen den Bergen waren tiefe Täler eingeschnitten, in denen die Menschen wohnten, doch von denen war nichts zu sehen und zu hören. Es war, als wären die vier alleine auf der Welt. Über ihnen glitzerten die Sterne, und der Mond hing wie eine helle Laterne am Himmel.
„Hier könnte ich ewig bleiben“, sagte Niklas.
„Die Natur ist wunderschön – und ohne Erbarmen. Im Sommer ist hier die Sonne zu heiß für euch Menschen und im Winter ist es zu kalt“, erwiderte Breanainn.
„Wie könnt ihr hier oben nur überleben?“, fragte Tim.
„Im Winter ziehen wir uns in Höhlen zurück. Selbst für Drachen ist es draußen dann zu kalt.“
„Und all das müsst ihr unsretwegen verlassen“, murmelte Tim.
„Wegen Catigern, nicht euretwegen“, antwortete Breanainn. „Er wusste schon vor eurer Ankunft, dass ich hier bin.“
„Trotzdem. Das ist einfach nicht fair!“
Der alte Drache drückte Tim noch etwas fester an sich. „Im Leben geht es nicht immer gerecht zu. Das Geheimnis eines erfüllten Lebens ist, das Beste daraus zu machen.“
„Hm.“
Am Himmel zog eine Sternschnuppe vorbei. Niklas schaute ihr mit offenem Mund hinterher.
„Werden deine Eltern euch nicht vermissen?“, fragte Finnian.
„Meine Eltern!“, stöhnte Tim. „Die habe ich glatt vergessen. Wir sollten zurück sein, wenn es dunkel wird.“
„Dann sollten wir lieber los.“
„Wir sind sowieso schon zu spät dran“, meinte Tim grinsend zu Niklas. „Da kommt es auf ein paar Minuten auch nicht mehr an.“
„Wenn man sich Sorgen macht, können wenige Minuten lang sein“, antwortete Breanainn, bevor Niklas etwas sagen konnte. „Wir sollten gehen.“
„Schade“, sagte Tim.
Niklas sagte nichts; stattdessen drehte er sich einmal um sich selbst, als wollte er sich alles um sich herum fest einprägen, damit er es nie vergessen würde.
„Vorsicht“, mahnte Finnian, als Niklas mit dem Rucksack an einer Schuppe hängen blieb.
„Müssen wir wirklich schon zurück?“, fragte Tim.
„Es ist besser“, antwortete Breanainn. „Wie ich euch kenne, ist dies ohnehin nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen.“
Ein kleines bisschen traurig stiegen die Jungen auf die Rücken der Drachen.
Der Rückflug verlief viel ruhiger als der Flug zum Berg. Breanainn und Finnian achteten darauf, sich langsam und gleichmäßig zu bewegen, um nicht aufzufallen. Der Mond schien heller, als den Drachen lieb zu sein schien; jedes Mal, wenn er hinter den Wolken hervorkam, flogen sie dichter über Felsen und Bäumen. Nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man ihre Umrisse am Nachthimmel erkennen.
Lautlos landeten sie hinter der alten Scheune des helmspergerschen Bauernhofs.
„Näher können wir euch nicht bringen“, flüsterte Breanainn.
„Ihr habt schon genug riskiert“, flüsterte Tim zurück.
„Wir warten hier, bis ihr sicher angekommen seid.“
„Das braucht ihr nicht. Auf den paar Metern wird uns Catigern bestimmt nicht auflauern. Falls er sich überhaupt ins Dorf traut.“
„Es gibt nichts, was Catigern sich nicht traut“, gab Breanainn zurück. Er warf einen besorgten Blick hinauf zum Himmel. Eine große Wolke zog vor dem Mond vorbei, doch danach war freier Himmel. Nicht lange, dann würde der Mond hell leuchten.
Auch Finnian sah mit sorgenvollem Blick nach oben.
„Also gut“, bestimmte Breanainn. „Dann fliegen wir gleich zurück. Passt auf euch auf.“ Er drückte die beiden Jungen kurz an sich und Finnian tat das Gleiche.
„Gib gut auf dich acht, Niklas Menschenkind“, sagte der.
„Du auch, Drache Finnian.“
Leise lachend erhob sich der weiße Drache, der im Moment gar nicht weiß war, in die Luft. Breanainn nickte den beiden Jungen kurz zu, dann folgte er seinem jüngeren Freund.
„Das war das Aufregendste, was ich je erlebt habe“, sagte Niklas, als sie sich auf den Weg zur Alpenrose machten.
Keiner von beiden bemerkte das Mädchen, das am Fenster des Bauernhofs stand und den davonfliegenden Drachen nachsah.

Fortsetzung im Buch ...



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