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BREANAINN - Drachenfreunde in Gefahr

von Dirk Traeger

Illustrationen von Philip Hahn

Softcover mit Umschlagsklappen

ISBN 978-3-939877-13-4

185 Seiten
Format ca. 12,7 x 20,0 cm
€ 8,90 (D) / € 9,20 (A) / sFr 14,10 (CH)



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 (©Schroedel, Braunschweig)
 

Leseprobe:


„Wenn man etwas nicht sieht,
bedeutet das noch lange nicht,
dass es das nicht gibt.“

(Breanainn, der Drache)

Früher einmal wussten die Menschen, dass es Drachen gab. Sie hielten sich von ihnen fern, denn Drachen waren gefährlich. Und die wiederum misstrauten den Menschen und ihrem Streben nach Macht und Geld.
Meist waren Drachen daher in der Dämmerung unterwegs, wo man sie eher ahnte, als dass man sie sah. Und so wunderte es die Bauern vor fast tausend Jahren nicht, dass ein junger Drache spät abends über sie hinwegflog. Der Sage nach hatten auf dem Lintberg schon immer Drachen gelebt. Auf der Schwäbischen Alb gab es viele Höhlen und geheimnisvolle Plätze.
Fast lautlos glitt der Drache durch die Luft. Er umrundete die Burg, die auf dem Lintberg stand, und landete im Schatten des Turmes, wo er bereits erwartet wurde.
„Du kommst spät, mein Freund“, begrüßte ihn ein junger Mann, der an der Mauer lehnte.
„Es ist gefährlich für einen Drachen, im Hellen über das Land der Menschen zu fliegen“, antwortete der Drache.
„Leider“, seufzte der junge Mann. „Danke, dass du dennoch gekommen bist, um mir bei meinem Gedicht zu helfen.“
Der Drache musste lachen. „Welcher Mensch würde wohl glauben, dass Kreaturen wie wir uns mit Liedern und Gedichten beschäftigen!“
„Das liegt daran, dass die Menschen euer wahres Wesen nicht kennen.“
Der Drache schnaubte. „Wie sollten sie auch! Entweder fliehen sie vor uns oder sie fordern uns zum Kampf heraus. Dein Bruder Catigern ist da keine Ausnahme.“
Der junge Mann verzog das Gesicht.
„Ich wünschte, es wäre anders“, erwiderte er. „Doch darüber wollen wir uns nun keine Gedanken machen. Hör dir lieber an, was ich seit unserem letzten Treffen verfasst habe.“
Der Drache ließ sich neben dem jungen Mann nieder und hörte aufmerksam zu. Hin und wieder hob er den Kopf und runzelte die Stirn.
„Was ist?“, wollte der junge Mann wissen. „Gefällt dir mein Werk nicht?“
„Dein Gedicht ist gut, noch besser als das letzte“, antwortete der Drache. „Aber ich meine, ich hätte Schritte gehört.“
Der junge Mann lauschte. „Du täuschst dich“, sagte er schließlich. „Da ist nichts. Nur das ferne Hämmern eines Spechts. Niemand weiß von unseren Treffen und der Weg hierher ist beschwerlich.“
Der Drache schien nicht ganz überzeugt. Während der junge Mann weiterlas, schaute er immer wieder zu den Büschen, die am Fuße des Turmes wuchsen.
„Ihr solltet die Büsche entfernen“, sagte er, als der junge Mann eine Pause machte. „Feinde könnten sich anschleichen, und ihr würdet sie erst entdecken, wenn es zu spät ist.“
„Woran du schon wieder denkst“, gab der junge Mann lachend zurück. „Außerdem bin ich der Falsche für diesen guten Rat. Mein Vater und mein Bruder haben sich für das Kriegshandwerk entschieden. Ich will damit nichts zu tun haben.“
„Du solltest aber auch die Augen nicht davor verschließen. Es könnte sonst leicht passieren, dass ...“
„Es könnte sonst leicht passieren, dass du überrascht wirst“, sagte ein Mann, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Ganz in Schwarz gekleidet und mit Schwert und Dolch bewaffnet, stand er mit einem Mal hinter den beiden. Mit kalten Augen musterte er den Drachen, während seine Hand den Griff seines Schwertes packte. „Drachen haben auf dieser Welt nichts mehr zu suchen!“
Der Drache wich zurück und schnaubte, als der Schwarzgekleidete sein Schwert zog.
„Bruder, warte!“, schrie der junge Mann, der eben noch Gedichte gelesen hatte, und sprang auf. „Lass es mich erklären.“
„Was gibt es da zu erklären?“, fragte der Mann in Schwarz. „Er ist ein Drache, oder etwa nicht?“
„Sein Name ist Breanainn. Er ist ganz friedlich, sieh doch nur“, flehte der junge Mann. „Und er ist noch so jung.“
„Soll ich warten, bis er alt genug ist und Feuer speien kann?“, gab der Mann in Schwarz zurück. „Oder bis er uns alle umgebracht hat?“
„Das würde er nie tun!“
Der Schwarzgekleidete ließ das Schwert sinken und drehte sich zu seinem Bruder um.
„Was verstehst du schon von Drachen?“, fragte er. Und ohne eine Antwort abzuwarten, wirbelte er herum und stieß mit dem Schwert zu.
Der Drache war noch recht unerfahren und so erkannte er den Angriff zu spät. Er heulte vor Schmerz auf, als das Schwert in seine linke Schulter drang.
Hämisch grinsend zog der Schwarzgekleidete das Schwert zurück.
Hektisch sah sich der Drache um. Er war zu nah am Turm, um seine Flügel auszubreiten und wegzufliegen. Und in einem Kampf gegen einen erfahrenen Krieger standen seine Chancen denkbar schlecht.
Der Mann in Schwarz schien das zu wissen. „Verloren!“, meinte er und holte erneut aus.
„Catigern, nicht!“, schrie der junge Mann und wollte nach dem Arm seines Bruders greifen, doch er stolperte und fiel gegen den Drachen.
Der Schwertstoß, der gegen den Drachen gerichtet war, traf ihn.
Der junge Mann, der kurz zuvor noch friedlich Gedichte vorgelesen hatte, sank zu Boden.
„Flieh!“, flüsterte er dem Drachen zu, dann schloss er die Augen.
„Nein!“, schrie der schwarzgekleidete Krieger. Entsetzt kniete er sich neben seinen Bruder.
„Euguein, nein“, flüsterte er. Er zog seinen Handschuh aus und fuhr über das blasse Gesicht seines Bruders, doch der junge Mann regte sich nicht.
Vorsichtig legte er den Kopf auf den Boden. Fassungslos starrte der Schwarzgekleidete auf den jungen Mann, der reglos am Boden lag. Dann packte er sein Schwert.
„Du bist schuld!“, schrie er und schlug erneut nach dem Drachen. Rechts, links, rechts teilte er mächtige Hiebe aus, die so stark waren, dass sie einen jungen Baum hätten fällen können.
So gut es ging, wich der Drache den wütenden Schlägen aus, doch bald stand er mit dem Rücken in der Ecke zwischen Mauer und Turm.
„Stirb!“, schrie der Krieger und schlug zu.
Verzweifelt stieß sich der Drache vom Turm ab. Das Schwert verfehlte ihn um Haaresbreite.
Der Schwarzgekleidete fuhr herum und schlug erneut zu, doch der Drache war schon in der Luft.
Der wütende Schrei des Kriegers hallte übers Land. Er reckte die Faust in die Luft und schrie dem Drachen Flüche in einer uralten Sprache hinterher. Und der Drache wusste: Der finstere Krieger würde ihn verfolgen, bis es kein Entkommen mehr gab.

Tausend Jahre später
Es sollte lange dauern, bis wieder der Schatten eines Drachen über dem Lintberg erschien. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht und die Menschen schwitzten; es war ungewöhnlich warm für einen Tag Ende Mai.
Kleiner und langsamer als vor tausend Jahren zog ein Schatten über die Grashalme hinweg, dann hielt er an und ein kleiner, orangefarbener Spielzeugdrache landete im Gras.
„Mist“, schimpfte der Junge, dem er aus der Hand gefallen war. Er wusste nicht, was an dieser Stelle vor langer Zeit geschehen war, und genauso wenig ahnte er, dass er selbst ein Teil dieser Geschichte werden sollte.
Hastig bückte er sich und stopfte den Drachen in seine Hosentasche, doch er war nicht schnell genug. Seine Mitschüler hatten es gesehen.
„He, schaut mal. Tim hat wieder seinen Spielzeugdrachen dabei!“, schrie Marc, und die Zwillinge Jannik und Jasmin fingen mit dem Singsang an, den Tim so hasste: „Spielkind, Spielkind!“
Wütend ballte Tim die Fäuste. Wenn ihm doch nur einmal eine passende Antwort einfallen würde!
„Lasst mich in Ruhe, ihr ... ihr ...“, stammelte er, doch die drei lachten nur noch lauter.
Niklas stellte sich neben Tim und legte seine Hand auf dessen Schulter. „Komm, lass es gut sein“, sagte er.
Dankbar blickte Tim in Niklas‘ trauriges Gesicht. Gleich würden Jannik und Jasmin anfangen, über Niklas herzuziehen, und Marc würde sie dabei nach Kräften unterstützen. Wie immer.
„Tim hat einen Diener!“, schrie Jasmin, und Jannik machte Witze über Niklas‘ aufgetragene Klamotten. „Woher hast du denn die? Vom Müll?“
„Vielleicht sollte er in einer Mülltonne wohnen, dann hat er wenigstens was zu essen“, brüllte Marc, der dicker war als alle andern. Stärker war er leider auch.
„Mit seinem Hinkebein kann er doch nicht rein klettern“, meinte Jasmin.
„Warum lasst ihr uns nicht in Ruhe?“, schrie Tim. „Was kann Niklas denn dafür, dass ihn ein Auto angefahren hat?“
Niklas biss sich auf die Lippen und sagte nichts. Ein Jahr zuvor war er von einem Auto angefahren worden, mitten auf einem Zebrastreifen. Der Fahrer hatte nicht einmal gebremst. Er hatte während der Fahrt mit dem Handy telefoniert. Den unscheinbaren, elfjährigen Jungen hatte er einfach übersehen ...
„Lass uns gehen“, meinte Tim und zog Niklas mit sich.
Was für ein schrecklicher Tag! Dabei hatte sich Tim so sehr auf das Schullandheim in der siebten Klasse gefreut! Eine Woche auf der Schwäbischen Alb, wo es früher einmal Drachen gegeben haben soll. Dass es gleich am ersten Tag so losging, war einfach nicht fair!
Herr Schmitt, der Klassenlehrer, erzählte gerade etwas über die Entstehung der Alb, über Dinosaurier und Vulkane. Er musste von den Hänseleien etwas mitbekommen haben, denn er stellte sich so hin, dass Marc und die Zwillinge nicht mehr zu Tim und Niklas konnten.
„Der Hügel, auf dem ihr steht, war einmal ein Vulkan“, sagte er gerade, und einige Schüler schauten ängstlich auf den Boden, als erwarteten sie, dass gleich irgendwo Lava hervorquellen würde.
„Keine Angst“, sagte Herr Schmitt lachend, „er ist seit Langem erloschen. Zumindest nimmt man das an.“
„Aber sicher weiß man das nicht?“, fragte ein Mädchen mit Pickeln.
„Seit über fünftausend Jahren haben Menschen diesen Hügel benutzt und bewohnt“, antwortete Herr Schmitt und tupfte sich die Stirn. „Der Legende nach trieb hier sogar ein Drache sein Unwesen; erst nachdem er schon viele Menschen gefressen hatte, gelang es einem Ritter, ihn zu töten. Zum Dank baute man eine Kapelle, die dem Erzengel Michael geweiht wurde. Ihre Überreste könnt ihr dort drüben noch immer sehen.“
„Das wird Tim aber gar nicht gefallen“, meinte Jasmin und machte ein furchtbar trauriges Gesicht. „Der arme, arme Drache ist tot.“
Bei dem Gelächter, das nun ausbrach, wäre Tim am liebsten im Boden versunken.
„Ganz so abwegig ist die Vorstellung von einem Drachen nicht“, beendete Herr Schmitt das Gelächter. „Vielleicht nicht als Tier, aber als Symbol für etwas Bedrohliches. Dieser Hügel hieß im Mittelalter Lintberg, da steckt das althochdeutsche Wort lint für Schlange oder Drache drin. Kleine Drachen hießen früher Lindwürmer.“
„Das sind ja schlechte Nachrichten für Tim“, meinte nun Jannik. „Da sucht er einen Drachen und findet nur Würmer!“
„Dem sollte man mal ein paar Würmer ins Essen tun“, flüsterte Niklas, wobei er darauf achtete, dass niemand außer Tim ihn hörte.
„Eines Tages zeige ich es denen!“, zischte Tim und ballte die Fäuste. „Die werden schon sehen!“

[... Tim und Niklas richten sich im alten Bauernhof, der den Kindern als Unterkunft dient, ein.
Als Tim abends alleine durch den Wald streift, stößt er auf die Reste eines uralten Weges, der ihn zu einer verborgenen Höhle führt. Natürlich erkundet er sie, doch was er dort findet, übertrifft seine kühnsten Träume bei weitem ...]


Der Drache
Tim schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. Er musste sich getäuscht haben. Felsen haben keine Augen!
Zögernd näherte er sich dem Fels und streckte die Hand aus. Er wartete, und als der Fleck erneut erschien, berührte er ihn mit den Fingerspitzen.
Mit einem Schrei ließ er die Taschenlampe fallen. Der Fels hatte sich bewegt!
„Das gibt’s nicht!“, schrie Tim. Er machte einen hastigen Schritt zurück, stolperte und fiel auf den harten Höhlenboden, doch vor lauter Aufregung spürte er das nicht einmal.
Keuchend saß er auf dem erdigen Boden und starrte auf das blinzelnde Auge. Dann nahm er all seinen Mut zusammen, beugte sich vor und schnappte seine Taschenlampe. Sein Verstand sagte ihm, dass er aufstehen und weglaufen sollte, doch seine Beine fühlten sich an wie Schaumstoff. Sosehr er sich auch bemühte, es ging einfach nicht. Seine Knie gaben jedes Mal nach.
Der Felsblock bewegte sich, reckte sich, streckte sich.
Mit offenem Mund starrte Tim auf das, was sich vor ihm abspielte. Obwohl er sein Leben lang von so etwas geträumt hatte, konnte er nicht glauben, was er sah.
Der Fels änderte seine Farbe in ein schmutziges Graugrün, durchzogen von braunen Streifen. Die Stellen, auf die das Licht der Taschenlampe schien, wurden kurz heller, dunkelten aber sofort wieder nach, wenn der Lichtstrahl weiterwanderte.
„Ein Drache!“, hauchte Tim und spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. Sogar die Haare auf dem Kopf fühlten sich an, als ob sie sich aufstellen wollten.
Tim versuchte rückwärts zu kriechen. Er stieß gegen einen Stein und sein Spielzeugdrache fiel aus der Hosentasche.
Schnell griff Tim danach und steckte ihn zurück, doch der Drache hatte es gesehen. Kaum merklich legte er den Kopf schief.
Tim stieß mit dem Rücken an die Felswand. Mit zitternden Knien stemmte er sich an der Wand nach oben.
Der Drache richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Die Hörner auf seinem Kopf stießen fast an die Höhlendecke. Tims Blick wanderte vom Maul mit den riesigen Zähnen zu den kraftvollen Beinen mit den scharfen Klauen. Narben bedeckten den Körper, und da wurde Tim klar, was für ein gefährliches Wesen vor ihm stand: ein perfekter Kämpfer, ein tödlicher Gegner.
Die Augen des Drachen musterten ihn abschätzend, eiskalt.
„Nun?“, fragte der Drache, und seine tiefe Stimme hallte durch die Höhle.

Fortsetzung im Buch ...



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