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Silva Norica - Abenteuer in der Großstadt

von Dirk Traeger

Illustrationen von Sabine Röhr

Vignetten vom Autor

gebunden

ISBN 978-3-939877-01-1

gebunden

176 Seiten
Format ca. 15,4 x 21,3 cm
€ 9,90 (D) / € 10,20 (A) / sFr 20,50 (CH)




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 (©Schroedel, Braunschweig)
 


Rezension der Arbeitsgemeinschaft Jugenliteratur und Medien der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) (Auszug):
"... Dirk Traeger ist eine spannende und lesenswerte Geschichte gelungen, in die er (meist) unauffällig seine Botschaften von Freundschaft und gegenseitiger Toleranz, von Akzeptanz und Verantwortung integriert. Vom Alter her ist die Geschichte auf die oft nur schwer zum Lesen zu motivierende Gruppe der 12- bis 13-Jährigen zugeschnitten, die sich sicherlich gut mit Patrick identifizieren können.
EMPFEHLUNG: EMPFEHLENSWERT"
Download der vollständigen Rezension als PDF (ca. 50 KB): GEW-Rezension Silva Norica 2

Leseprobe:

Drei kleine Gestalten schlichen durch den dichten Wald. Fast lautlos bewegten sie sich und nutzten jede Deckung geschickt aus.
Eine der Gestalten sah aus wie ein großer Hund. Immer wieder blieb sie stehen und schnupperte. „Wo sind wir?“, fragte sie mit tiefer Stimme, doch so leise, dass man sie leicht für das Knarren eines alten Baumes halten konnte.
„Wir sind nicht weit von Gentlingen“, flüsterte die zweite Gestalt, die aussah wie ein kleiner Mensch. Ihr Flüstern klang wie das Rauschen des Windes.
„Diese Welt ist so anders als unsere“, sagte die erste Gestalt wieder. „So viele fremde Gerüche und so viele fremde Geräusche. Selbst der Wald und die Bäume sind fremd.“
„Das soll uns nicht aufhalten, Goran.“
„Glaub mir“, sagte Goran, die hundeartige Gestalt, und lachte leise, „das wird es nicht.“


Nicht weit davon stand Patrick zu Hause im Wohnzimmer. Er ahnte noch nicht, dass die Sommerferien, die für ihn so enttäuschend begannen, die spannendsten Ferien seines Lebens werden sollten.
„Es tut mir so leid“, sagte Patricks Vater gerade und sah dabei ganz elend aus. „Dieses Jahr können wir nicht in den Urlaub fahren. Ich arbeite an einem wichtigen Projekt, das über den ganzen Sommer läuft. Aber nächstes Jahr klappt es ganz bestimmt.“
„Musst du unbedingt arbeiten?“, fragte Patrick.

„Ja, leider.“ Seit seiner Beförderung arbeitete Herr Weiß viel mehr als früher. Dass sein Vater mithalf, Autos sicherer zu machen, fand Patrick super, aber dass sie deswegen den Urlaub absagen mussten, konnte er nicht verstehen.
„Unternehmen wir dann etwas zusammen?“, fragte Patrick und sah hoffnungsvoll zu seiner Mutter. „Oder gehen wir wenigstens ins Freibad?“
„Das geht leider nicht“, antwortete Frau Weiß und blickte zu Boden. „Bei uns im Büro geht es drunter und drüber. Mein Chef war froh, dass ich meinen Urlaub gestrichen habe.“
Verständnislos starrte Patrick sie an. „Gestrichen? Wieso?“
„Damit ich Urlaub nehmen kann, wenn Papa auch frei hat.“
„Und wann ist das?“, maulte Patrick, aber seine Mutter sagte nichts. Lukas, Patricks kleiner Bruder, begann zu weinen.
„Na prima“, stöhnte Patrick. „Und was machen wir so lange? Gehen wir in die Schule, wenn alle anderen Ferien haben?“
„Sei nicht albern“, sagte Patricks Mutter. „Die Schule ist geschlossen. Lukas wird ins Zeltlager fahren ...“
„Juhu!“, schrie Lukas. „Ins Zeltlager!“ Seine Enttäuschung war wie weggeblasen.
„Und ich?“, fragte Patrick.
Frau Weiß bekam einen roten Kopf. „Dich konnte ich noch im Kinder-Ferienprogramm unterbringen. Wenigstens das ...“
„Was?“, unterbrach Patrick sie. „Lukas ist erst fünf und darf ins Zeltlager. Und ich bin elf und muss hierbleiben? Das ist ungerecht!“
„Ich bin fast sechs“, protestierte Lukas.
„Und ich bin fast zwölf!“, gab Patrick zurück.
„Das Zeltlager ist nur für Schulanfänger“, antwortete Frau Weiß.
„Und das Ferienprogramm ist nur für kleine Kinder!“, schrie Patrick und schüttelte den Arm seiner Mutter ab. „Das ist nur bis neun. Da darf ich doch gar nicht mehr hin.“
„Ich habe für dich eine Sondergenehmigung bekommen.“

„Meine Freunde werden mich auslachen, wenn sie das hören!“
„Es tut mir leid“, sagte Patricks Mutter leise.
Patrick glaubte ihr, doch das änderte nichts an seiner schlechten Laune. Je mehr er darüber nachdachte, desto wütender wurde er. „Ich muss zu Hause rumhocken und der kleine Scheißer ...“
„Ich habe dir schon oft gesagt, dass du deinen Bruder nicht so nennen sollst!“
Zornig funkelte Patrick seine Mutter an, dann drehte er sich um und rannte nach oben in sein Zimmer. Mit lautem Knall warf er die Tür zu.

Am Abend hatte sich Patricks Laune nicht gebessert. Lustlos stocherte er in seinem Essen, während Lukas in der Küche herumsprang und rief: „Ich darf ins Zeltlager. Ich darf ins Zeltlager.“
„Nun sei mal still“, sagte seine Mutter, der Lukas’ Singsang ebenfalls auf die Nerven ging.
„Wirst du abends auch länger arbeiten müssen, genau wie Papa?“, fragte Patrick ohne seine Mutter anzusehen.
„Ich hoffe nicht“, antwortete sie. „Und tagsüber passt Frau Müller auf dich auf.“
Patrick verzog das Gesicht.
„Sieh mal“, sagte seine Mutter, „morgens bist du beim Ferienprogramm. Wenn du mittags heimkommst, hat Frau Müller etwas Leckeres gekocht und dann bin ich auch bald wieder da.“
„Und wann geht’s los?“
„Schon morgen.“


Zur gleichen Zeit schlugen die drei Gestalten ihr Nachtlager in einer Gruppe Tannen auf.
„Wie rasch es im Wald dunkel wird“, murmelte die kleine, menschenähnliche Gestalt. Eng standen die Tannen beieinander und das war den dreien nur recht, denn so boten sie Schutz vor neugierigen Blicken. Nur Goran lief unruhig auf und ab.

„Ruh’ dich aus“, sagte die kleinste der drei Gestalten. Auch sie sah in der hereinbrechenden Dunkelheit aus wie ein Hund. „Hast und Eile werden uns nicht helfen, auch wenn diese Welt viel hektischer ist als unsere.“
„Du hast gut reden, Roderick!“, fauchte Goran. „Dich hat unser Anführer auch nicht mit dieser Aufgabe betraut. Sekani ist hier irgendwo, ich kann es spüren.“
„Aber du kannst ihm nicht helfen, wenn man dich erwischt, bevor du ihn findest“, antwortete Roderick.
„Ich kann mich wehren!“, gab Goran zurück, doch Roderick schüttelte den Kopf. „In dieser Welt haben sie Waffen, die du nicht kennst. Wir müssen im Verborgenen suchen. Außerdem habe ich einen Freund in dieser Welt, der uns helfen wird.“
„Einen Freund? Wie heißt er?“
„Patrick.“


Am nächsten Tag stand Patrick einsam zwischen lärmenden, lachenden Kindern. Er war viel größer und älter als sie, doch sie beachteten ihn gar nicht. Sie hatten alle großen Spaß. Alle, außer ihm.
„Was ist los mit dir?“, fragte ein Betreuer, der auf die Kinder aufpasste.
„Nichts“, antwortete Patrick.
„Dir macht’s hier keinen Spaß, was?“
„Doch, schon.“ Patrick sah den jungen Mann traurig an. Ingo stand auf seinem Namensschild. „Nein, eigentlich nicht“, sagte er schließlich.
„Deine Eltern haben dich abgeschoben, nicht wahr?“, fragte der Betreuer leise und Patrick nickte.
„Das kenne ich“, sagte Ingo. „Meine Eltern sind auf eine Kreuzfahrt gegangen, als ich so alt war wie du. Aber ich durfte nicht mit, weil ich zu jung war.“

„Meine Eltern müssen arbeiten“, sagte Patrick und schaute sehnsüchtig nach den hohen Eichen im nahen Wald.
„Du möchtest wohl lieber da draußen sein?“, fragte Ingo, doch Patrick hörte ihm gar nicht zu. Er war in Gedanken weit weg. Es war noch kein Jahr her, als er auf der Suche nach Lukas’ Teddy in einen unterirdischen Gang gekrochen war, der nach Silva Norica, dem geheimnisvollen Nordwald, geführt hatte, direkt ins Mittelalter. Er dachte an Roderick, den Fuchs, der ihm dort geholfen und sogar sein Leben für ihn riskiert hatte, und an den König der Zwerge, der Patrick mit einem magischen Kristall geholfen hatte, wieder nach Hause zurückzukehren. Und an Aherin, den alten Zwerg, der Patrick ein Stück auf dem Weg zurück begleitet hatte.
„Pass auf“, sagte Ingo, „in einer halben Stunde habe ich Pause. Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam durch den Wald streifen?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Also – wir sehen uns.“
Ingo hielt sein Wort. Und je öfter er mit Patrick durch den Wald streifte, desto mehr staunte er über ihn.
„Manchmal denke ich, du weißt mehr als ich“, sagte Ingo. „Man könnte ja fast meinen, du hast schon eine Weile im Wald gelebt.“
Ganz so falsch ist das nicht, dachte Patrick und erinnerte sich nur zu gut an die Zeit, die er mit Roderick im Wald verbracht hatte. Wie oft hatte er sich gewünscht, den sprechenden Fuchs wiederzusehen, wenigstens für kurze Zeit.

„Heute kann ich leider nicht mit dir in den Wald gehen“, sagte Ingo am dritten Tag. „Andreas ist krank und ich muss in der Küche helfen. Aber ich glaube, du kommst auch ganz gut allein zurecht“, fügte er mit einem vielsagenden Grinsen hinzu.
Zuerst begriff Patrick nicht, aber als Ingo verlangte, dass er um zwölf Uhr wieder zurück sein musste, wäre Patrick ihm am liebsten um den Hals gefallen. „Ich darf alleine gehen?“

„Pst, nicht so laut“, sagte Ingo und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Eigentlich darf ich Kinder nicht alleine gehen lassen. Das muss unter uns bleiben, hörst du?“
„Versprochen“, flüsterte Patrick. Fünf Minuten später war er im dichten Wald verschwunden.


Nicht weit davon lief Goran auf und ab.
„Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“, knurrte er, doch es klang mehr wie ein Vorwurf als wie eine Frage.
Die menschenähnliche Gestalt holte tief Luft. „Ganz sicher, Goran. Ich habe die Karte studiert.“
„Ich will hoffen, dass du recht hast, Aherin. Wir müssen Sekani finden, bevor es zu spät ist!“
„Wir dürfen nichts überstürzen“, mahnte Aherin, doch Goran schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Sekani wird in Gefangenschaft kaum etwas fressen. Und er ist schon so lange fort.“


Patrick ahnte davon nichts. Ohne festes Ziel streifte er durch den Wald, vorbei an mächtigen, alten Eichen. Zu blöde, dass Ingo nicht mitkommen konnte. Mit ihm machte es viel mehr Spaß.
Missmutig kickte Patrick einen Tannenzapfen ins Gebüsch, doch kaum hatte er es getan, da bereute er es auch schon: Irgendetwas stimmte nicht, das spürte er. Mit lautem Rascheln fiel der Zapfen zu Boden und im Busch bewegte sich etwas Braunes.
Was war das? Es war viel größer als ein Vogel oder ein Hase. Und es kam auf ihn zu!
Schnell bückte er sich nach weiteren Tannenzapfen und warf sie, doch das Tier ließ sich nicht verscheuchen.
Hektisch sah Patrick sich um. Nicht weit von ihm lagen Äste und Patrick griff nach einem, der fast so groß war wie er selbst. So ein Stock konnte eine gute Waffe sein.

„Hau ab!“, schrie Patrick und hob drohend den Stock, doch es half nichts. Was da auf ihn zukam, sah aus wie ein Fuchs. Wenn der Tollwut hat?, dachte Patrick. Bestimmt hat er Tollwut, sonst würde er vor Menschen wegrennen.
„Hau ab!“, schrie Patrick noch einmal und schlug zu.
Geschickt wich der Fuchs aus und der Schlag ging ins Leere.
Patrick wirbelte herum. Wieder holte er aus, doch der Fuchs schaute ihn lächelnd an. „Begrüßt man so einen alten Freund?“
Erschrocken ließ Patrick den Stock fallen. „Roderick“, keuchte er.
„Wer sonst?“, gab der Fuchs zurück.
„Mein Gott, ich habe dich gar nicht erkannt.“ Verlegen schaute Patrick auf den Stock, der auf dem Boden lag. „Ich ... ich hätte dich beinahe totgeschlagen.“
„Sei unbesorgt“, sagte der Fuchs. „So schnell triffst du mich nicht.“
„Wie kommst du hierher?“, fragte Patrick, der sich noch immer nicht von seinem Schrecken erholt hatte. „Und was machst du hier?“
„Wir brauchen deine Hilfe“, sagte der Fuchs und sah sich unruhig um. Mit einem Mal sah er sehr besorgt aus. „Komm mit. Wir müssen mit dir reden.“
„Was gibt es denn?“, fragte Patrick. „Und wer ist wir?“
„Nicht hier“, antwortete der Fuchs.
„Ist das dein Freund, der uns helfen soll?“, fragte plötzlich eine Stimme.
Erschrocken fuhr Patrick herum. „Aber ... aber ...“, stotterte er und wusste nicht, was er sagen sollte: Vor ihm stand ein ausgewachsener Wolf!


Fortsetzung im Buch ...



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